GUNDELDINGER FELD

 

Kompressionen
Verdichtungen und Erweiterungen eines ehemaligen Basler Industrieareals



Schlussbericht
zum Ausstellungsprojekt auf dem Gundeldinger Feld, 1. – 31. Mai 2003

Vorgeschichte und Projektziele

Das Areal und die Gebäude der ehemaligen Maschinenfabrik Sulzer Burckhardt AG auf dem Gundeldinger Feld erfahren seit November 2000 eine grundlegende Umnutzung: Aus den teilweise über hundert Jahre alten Maschinenhallen, Werkstätten und Bürogebäuden entsteht ein soziokulturelles Quartierzentrum mit stadtweiter Ausstrahlung.

Die Ausstellung "KOMPRESSIONEN – Verdichtungen und Erweiterungen eines ehemaligen Basler Industrieareals" wollte sowohl die Vergangenheit der Maschinenfabrik Sulzer Burckhardt AG – sie galt während Jahrzehnten als eine der wichtigsten Produktionsstätten von Grosskompressoren - als auch die Umnutzung und Öffnung des Areals für neue NutzerInnen darstellen und dokumentieren. Teile der Ausstellung sollten danach wenn möglich als Installationen dauerhaft erhalten bleiben.

Projektverantwortung und ProjektmitarbeiterInnen

Als verantwortliche Projektträgerin zeichnete die Kantensprung AG. Diese Firma wurde von den jetzigen RealisatorInnen des Umnutzungsprojekts gegründet und hat das Areal im Jahr 2000 von der Käuferin, der Gundeldinger Feld Immobilien AG, im Baurecht übernommen. Sie konzipierte und realisierte das Projekt zusammen mit einem Team von Fachleuten, bestehend aus der Historikerin Sabine Braunschweig, der Ausstellungsgestalterin Ursula Gillmann, den beiden Künstlerinnen Edith Hänggi und Pascale Grau sowie der Fotografin Doris Flubacher und dem Fotografen Martin Zeller. Die Ausstellung fand vom 30. April bis zum 31. Mai 2003 statt und wurde begleitet von diversen Rahmenveranstaltungen.

KOMPRESSIONEN – eine Ausstellung auf dem Gundeldinger Feld

Die Ausstellung sollte das Publikum auf dem Gundeldinger Feld direkt an die Orte des alten und neuen Geschehens führen und auf verschiedenen Ebenen sowohl intellektuell als auch sinnlich ansprechen. Die einzelnen Ausstellungsstationen, welche im folgenden dargestellt werden, waren daher über das ganze Areal verteilt und umfassten sowohl den Aussenraum als auch verschiedene Innenräume:


Tagtäglich -
ein Geschichtsprojekt von Sabine Braunschweig und Ursula Gillmann


Während eines Jahres befragte die Historikerin Sabine Braunschweig Arbeiter und Angestellte der
ehemaligen Maschinenfabrik zu ihren Erinnerungen am Arbeitsplatz und sammelte Bilder, Schriftstücke und Objekte zur Vergangenheit des Areals. Bei dieser Spurensuche kristallisierten sich schwerpunktmässige Themenbereiche, welche Sabine Braunschweig zusammen mit der Ausstellungsgestalterin Ursula Gillmann zu einzelnen Stationen aufbereitete. Die erste Station im Pfortenraum des Areals war dem 7. Oktober 1999 gewidmet, als die Belegschaft der Maschinenfabrik Sulzer Burckhardt über die Schliessung des Produktionsstandortes Basel informiert wurde. Eine zweite Station im Turmgebäude befasste sich mit der ausgeprägten und vielseitigen Firmenkultur der ehemaligen Maschinenfabrik. Diese bot nicht nur eine fundierte Aus- und Weiterbildung mit diversen Aufstiegsmöglichkeiten, sondern auch die Freizeit und das soziale Leben der Mitarbeitenden. In der Halle 1 waren dann sechs Vitrinen den Arbeitsbereichen "Ausbildung", "Montage in aller Welt", „Firmenstolz und Wir-Gefühl", "Zusammenarbeit und Zusammenhalt", "Mitsprache im Betrieb" und "Umstrukturierung und Reorganisation" gewidmet, während in der ehemaligen Meisterkabine der Grossunfall aus dem Jahr 1937 aufgearbeitet wurde. Damals kostete die Explosion eines Kompressors sechs Mitarbeitern das Leben und zerstörte weite Teile der Fabrikationshallen.


Was bleibt –
Bilder einer Umnutzung von Martin Zeller und Doris Flubacher


Bereits im August 2000 begann der Fotograf Martin Zeller im Auftrag der Kantensprung AG die letzten Monate und den Auszug der Maschinenfabrik Sulzer Burckhardt fotografisch festzuhalten und widmete sich danach der fotografischen Dokumentation der Gebäude und der baulichen Veränderungen auf dem Areal. Aus der reichen Fülle dieses Materials stellte Martin Zeller für KOMPRESSIONEN eine eindrückliche Diaserie zusammen, welche er in der Halle 1 auf eine Grossleinwand projizierte. Ergänzt wurde diese Serie durch acht persönliche "Erinnerungsbilder" des Autors, ausdrucksstarke Momentaufnahmen des Umnutzungsprozesses, in denen die persönliche Anteilnahme des Betrachters sicht- und spürbar wurde.



Die Fotografin Doris Flubacher dokumentiert seit Anfang 2002 den neuen Alltag auf dem Gundeldinger Feld, das heisst die Menschen in ihrem Arbeitsalltag und bei Veranstaltungen auf dem Areal. Für KOMPRESSIONEN lud sie ehemalige Mitarbeiter der Maschinenfabrik ein, ihr an ihrem früheren, mittlerweile umgebauten und umgenutzten Arbeitsplatz Modell zu stehen. Die Fotosessionen wurden zu teils mehrstündigen "Erzählreisen" in frühere Zeiten und dabei entstanden eindrückliche Portraits, welche die Künstlerin grossformatig an der Aussenfassade einer ehemaligen Werkhalle präsentierte, die nach der Ausstellung im Zuge der Arealumnutzung abgebaut wurde, um zusätzlichen Aussenraum für die neuen ArealnutzerInnen zu schaffen.

Streifzüge und Handlungen - eine Videokomposition von Edith Hänggi


Im ersten Umnutzungsjahr unternahm die Videokünstlerin und Kantensprung-Mitarbeiterin Edith Hänggi mit ihrer Videokamera zahlreiche Streifzüge durch das Areal. Die daraus resultierenden Videoskizzen komponierte sie zum homogenen Oeuvre "Streifzüge", welches die zum Teil rasanten Veränderungen des ersten Umnutzungsjahres in einen äusserlich ruhigen Bilderfluss voll innerer Spannung umwandelte. Eine zweite Videoarbeit "Handlungen" basierte dann auf vorgefundenen Portraits von Fabrikjubilaren an ihrem Arbeitsplatz, die die Fotografen Lothar und Rolf Jeck während Jahrzehnten erstellt hatten Edith Hänggi richtete ihr Augenmerk dabei auf die Hände der Arbeiter und Angestellten und inszenierte im Video deren Handwerk oder eben deren "Handlung", klanglich unterlegt durch Arbeitsgeräusche, die sie auf ihren Arealstreifzügen gesammelt hatte.

Untertags – eine Klanginstallation von Pascale Grau


Die Installations- und Performancekünstlerin Pascale Grau liess sich vom Ambiente der unterirdischen Leitungskanäle inspirieren, welche den Untergrund des Areals über hunderte von Metern kreuz und quer durchziehen. Dort unten, im spärlichen, aber gezielt gesetzten Licht einiger Lampen und Leuchten baute sie eine Klanginstallation auf, für die sie an diversen Arbeitsplätzen und Begegnungsorten auf dem heutigen Gundeldinger Feld gesammeltes Tonmaterial zu einem dichten Soundteppich verwob. Die lebendige, menschliche Nähe dieser Ton- und Geräuschszenen kontrastierte auf eindrückliche Weise mit dem unheimlichen Ambiente des Fabrikuntergrundes, zusätzlich akzentuiert durch die im Halbdunkel stark erhöhte auditive Konzentration. "Der Keller als Lagerplatz für alles Verdrängte, Vergessene und Unbrauchbare soll durch die Vitalität des neuen Gundeldinger Feldes belebt und im eigentlichen Wortsinn inspiriert, also beatmet werden", umriss die Künstlerin Ziel und Absicht ihrer Installation.

Der Fabrikalltag als Inspirationsquelle

Immer wieder war der Fabrikalltag Inspirationsquelle für eindrückliche Fotoreportagen. Auch in der Maschinenfabrik Burckhardt haben Fotografen zu verschiedenen Zeiten den Arbeits- und Fabrikationsalltag dokumentiert. Eine solche Reportage, in den Siebzigerjahren auf dem Höhepunkt der Kompressorenproduktion an einem einzigen Tag erstellt, wurde in Halle 1 auf Grossleinwand präsentiert, ergänzt und kontrastiert durch die fotografischen Reflexionen ehemaliger Fabrikangestellter aus den letzten Monaten und Wochen vor der Fabrikschliessung.

KOMPRESSIONEN im Spiegel der Medien und der BesucherInnen

Die Ausstellung wurde von den regionalen Medien gut beachtet und erfreute sich bei Besucherinnen und Besuchern grosser Beliebtheit. Das BaZ-Magazin Nr. 17 vom 26. April widmeten ihr die Titelgeschichte ("Wie eine grosse Familie"), das Regionaljournal Basel und Radio X produzierten je einen Ausstellungsbericht und die regionalen Printmedien berichteten im Vorfeld der Vernissage über die Ausstellung.

Rund 1000 Personen besuchten die Ausstellung, 250 davon während den 15 öffentlichen und privaten Ausstellungsführungen, welche jeweils am Mittwochabend und am Samstagnachmittag angeboten wurden. 300 BesucherInnen kamen zur Vernissage oder zur Finissage, die übrigen besuchten die Ausstellung zu den täglichen Öffnungszeiten zwischen 10.00 und 17.00 Uhr. Rege benutzt wurde auch das Ausstellungs-Gästebuch, ein adaptiertes Werkbuch der Maschinenfabrik Burckhardt. Rund 70, zum grössten Teil positive bis enthusiastische Kommentare und Eintragungen, zeugen von der Anerkennung und Begeisterung für das Gesehene und Gehörte.



Besondere Erwähnung verdient die Zusammenarbeit mit Corinne Siegrist vom Stadtkino Basel. Dort wurden als Begleitprogramm zu KOMPRESSIONEN am 15. und 29. Mai zwei Dokumentarfilme zur Schweizer Industriegeschichte gezeigt: "Hans Staub, Fotoreporter" von Richard Dindo, ein Portrait des bekannten Fotografen, der in den dreissiger Jahren für die damalige "Zürcher Illustrierte" mit seinen sozialen Reportagen eine Chronik der spannungsgeladenen Krisenjahre fotografierte, sowie "Schmelzwasser" von Dominik Roost, ein bewegender Abgesang an die Stahlgiesserei Georg Fischer in Schaffhausen, deren leere Hallen für sechs ehemalige Arbeiter zu einem eigentlichen "Erinnerungsraum" werden.

 

Ziel erreicht? – Ein Fazit

Ziel des Ausstellungsprojektes war es, interessierten Menschen aus dem Gundeldinger Quartier und der Stadt Basel Vergangenheit und Zukunft des ehemaligen Fabrikareals sinnlich erfahrbar zu machen. Nimmt man das Medienecho und die Besucherzahl als Referenz, wurde dieses Ziel klar erreicht. Bei einem Grossteil der Besucher handelte es sich um ehemalige Mitarbeiter der Maschinenfabrik und deren Angehörige, Menschen mit einer starke Bindung zu dem früheren Fabrikgelände, von denen die meisten das Areal seit der Verlegung der Produktion nach Winterthur nicht mehr betreten hatten. Eine zweite starke Besuchergruppe stammte aus dem Quartier, während Besucherinnen und Besucher aus der übrigen Stadt Basel in der Minderzahl waren. Es gelang auch nicht, die Medien nach der Vernissage noch einmal für einen Ausstellungsbeitrag zu gewinnen.

Die Reaktionen der grössten Besuchergruppe zeigten, wie wichtig die Referenz der Ausstellung an die Vergangenheit des Areals war. Die Recherchetechnik der Historikern Sabine Braunschweig ermöglichte es, dass sich die Befragten direkt und ohne kritischen Filter äussern konnten und wahrgenommen wurden. Dies führte bei einigen zu idealisierenden, ja fast verklärten Erinnerungen an die "harte, aber gute alte Zeit", bei anderen aber auch zu einer eigentlichen "Trauerarbeit", das heisst zur Verarbeitung der für viele unverständlichen Schliesssung der kerngesunden Produktionsstätte in Basel.

Hier zeigte sich denn auch ein interessantes, in dieser Form unerwartetes Moment der Ausstellung: Die Schliessung der Maschinenfabrik im Gundeldinger Quartier symbolisiert den Abschluss eines Stücks Basler Industriegeschichte und bis zu einem gewissen Grad auch das zu Ende gehende sogenannte Industriezeitalter. Hier entscheidet nicht mehr der langfristige Erfolg, das heisst etwa ein weltweit renommiertes Produkt und volle Auftragsbücher, über Sein oder Nichtsein eines Industriebetriebs, sondern nur mehr dessen kurzfristige Rendite, der Shareholder Value für die Investoren. Als Folge davon verlieren Fabrikareale, vor allem wenn sie mitten in der Stadt liegen, fast über Nacht ihren Wert als Industriestandort und werden entweder geschleift und völlig neu überbaut oder – wie im Falle des Gundeldinger Feldes - sanft umgebaut und umgenutzt.

Im Falle des Gundeldinger Feldes bietet ein Grossteil der neuen Nutzer und Nutzerinnen kulturelle und soziale Dienstleistungen an, die typisch sind für die heutige Bildungs- und Freizeitgesellschaft: Brückenangebote für Jugendliche, die (noch) keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, Arbeitsplätze für Menschen, die nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt planen, Deutschkurse für MigrantInnen, Väter- und Mütterberatungsstelle u.v.m. Damit wird das Gundeldinger Feld zu einem Wahrzeichen für Bedürfnisse und Dienstleistungen des sog. postindustriellen Zeitalters, so wie die Maschinenfabrik Burckhardt ein Symbol der Gründerzeit und des Industriezeitalters war. Es muss der Ausstellung KOMPRESSIONEN als Verdienst angerechnet werden, dass sie diese Gemeinsamkeit zwischen dem Gestern und Morgen sichtbar und erlebbar machte und damit dem Umnutzungsprozess auf dem Gundeldinger Feld eine unerwartete und überraschende historische Tiefenschärfe gab.
 

Zum Schluss möchten wir allen SponsorInnen, welche mit Ihren Beiträgen die Realisierung des Ausstellungsprojektes überhaupt ermöglichten, unseren herzlichen Dank aussprechen. Es sind dies namentlich: Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) Basel, Christoph Merian Stiftung (CMS), Manor AG, Burckhardt Compression, National Versicherung Basel, Schweizer Unfallversicherungs-Anstalt (SUVA), StageCom sowie zahlreiche kleine Spenderinnen und Spender.

 

Juli 2003/Matthias Scheurer, Geschäftsführer Kantensprung AG und Projektleiter KOMPRESSIONEN